Holzweg

Eine Philosophiegeschichte hatte sich in die Schrankwand der Eltern verirrt, gelesen hatte sie niemand. In der Schule kam Philosophie nicht vor, das Kind kannte niemanden, der sich mit Philosophie befasste, beste Voraussetzungen, um sich auf den Weg zu machen zur Terra incognita.

Das Kind zog in die Dornröschenstadt, hatte ein Zimmer für sich allein, konnte endlich die Tür hinter sich abschließen, begann zu lesen, grub sich durch abweisende Werke, wollte verstehen, wollte einen Platz finden im Olymp des Geistes, Glasperlenspielereien ergründen, wollte lesen, schreiben, denken, schob zur Seite, dass Philosophen Gefolgsmänner waren und ihren Meistern folgten, um schließlich eine Abweichung in der Dimension eines Kommas als Revolution zu feiern. Papiertiger, die vom Schreibtisch aus über Gott und die Welt nachdachten, über Bäume und Stühle, über das Gute, Wahre, Schöne, über das Ich und das Denken. Genies, die in verschrobenen, verschwurbelten Monologen vor sich hinwerkelten, während die Gattin für Ruhe und Ordnung sorgte.

 

Die Studentin wollte lesen, schreiben, denken, war irritiert von der Frauenverachtung, das schwache Geschlecht schwätzt, denkt nicht, taugt nicht für Gescheites, Nietzsches Peitschenhieb kannte jeder. Ein paar Sätze leuchteten aber, »Es gibt kein richtiges Leben im falschen«, »Aufklärung ist der Auszug aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit«, »Man wird nicht als Frau geboren, man wird es«, das aber war kein Lehrstoff, im philosophischen Elfenbeinturm der Dornröschenstadt spielten Frauen keine Rolle. Simone de Beauvoir schon gar nicht, nicht einmal Hannah Arendt, die dort studiert hatte.

Ein paar Sätze leuchteten, man kann sie aber doch nicht aus dem Kontext reißen. Die Studentin war eine dumme Trine, bei der philosophische Sätze zu Sprüchen fürs Poesiealbum verkamen. Sie verstand Philosophie nicht als akademische Arbeit, als Wissenschaft, männliche Reflexion ist weder Selbstfindung noch Lebenshilfe. Man lernt denken in der Philosophie, das hatte sie aufgeschnappt, aber doch nicht über sich selbst, man taucht ein in die Welten von Hegel, Heidegger, Habermas.

 

»Das Ziel der Philosophie ist es, der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zu zeigen.« Ludwig Wittgenstein war die Fliege im Fliegenglas, überwand denkend das Glas, flog wieder hinein, fand wieder heraus. Ich war auch eine Fliege, aber kein Genie, nur ein dummes Kind aus einem Kaff im Zonenrandgebiet, eine beschränkte Frau, ein graues Mäuschen, das die Klappe halten sollte, nichts zu sagen hatte, den Sinn der akademischen Philosophie nicht kapierte, nichts zu suchen hatte im Elfenbeinturm.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.