Verflucht

Andere schreiben ein Leben lang, schreiben ganze Bücher, schreiben wollte ich auch, das musste doch gehen, auch wenn das Kind nach einem Jerry Cotton-Aufsatz nichts mehr geschrieben hatte. Eine wilde Verfolgungsjagd, Jerry Cotton verschanzt sich hinter dem Sofa, die Lehrerin trägt den Aufsatz bei einer Geburtstagsparty vor, alle finden es wunderbar, im Kopf des Kindes schießt aber ein Fallbeil nach unten.

Später will das Kind studieren, jetzt muss es schreiben, für Referate reicht es, nicht aber für die Abschlussarbeit. Irre Bilder geistern durch den Kopf, die Studentin hat einen Sprung in der Schüssel, landet in einer Klinik, sitzt drei Monate später wieder am Schreibtisch, stückelt eine Abschlussarbeit zusammen, zieht in eine andere Stadt, tippt wieder Buchstaben in die Tastatur, jetzt für eine Doktorarbeit, druckt aus, streicht durch, schreibt neu, zerreißt Papier, beginnt wieder von vorn.

Jeden Morgen verschwindet die Doktorandin in der Bibliothek, nur am Montag versucht sie, Worte für das zu finden, was durch den Kopf geistert. Ein Analytiker sitzt ihr gegenüber, macht sich Notizen. Das Kind durfte nicht über das sprechen, was der Vater tat, sie darf nicht über das sprechen, was im Kopf ist, versucht es dennoch, einmal erwähnt sie die Doktorarbeit. »Sie müssen Ihre Grenzen akzeptieren«, sagt der Analytiker, dessen Doktorarbeit längst Geschichte ist, jetzt schreibt er seine Habilitation.

Nach zwei Jahren teilt der Analytiker der Doktorandin mit, dass ihr Kassenkontingent aufgebraucht ist. Einzelstunden kann sie sich nicht leisten, die Gruppe ist günstiger, die meisten sind schüchtern, nur ein Zahnarzt redet wie ein Wasserfall, zwischen Frau und Freundin soll er sich entscheiden, kann das aber nicht, Frau oder Freundin, Freundin oder Frau. So viel Geld, so viel Zeit hat die Doktorandin nicht, um sich das anzuhören, lässt den Zahnarzt hinter sich und den Analytiker, versucht, die Doktorarbeit zu schreiben, tippt Buchstaben in die Tastatur, druckt aus, streicht durch, schreibt neu, stückelt eine Arbeit zusammen, die niemanden interessiert, sucht eine Therapeutin auf, spricht über den Vater, will auch über die Mutter sprechen, aber das versteht die Psychologin nicht.

Die Doktorarbeit ist Vergangenheit, sie ist zu blöd für wissenschaftliches Arbeiten, muss als Journalistin über die Runden kommen, tippt Buchstaben in die Tastatur, löscht, schreibt neu, druckt aus, streicht durch, spricht mit Therapeutin Nummer drei über die Bilder, die durch den Kopf geistern, Splitter, die sich anfühlen wie Erinnerungen, aber Hirngespinste sein müssen. Die Journalistin muss schreiben, aber Buchstaben verhaken, verheddern sich, Worte laufen vor ihr davon.

Mit Therapeut Nummer vier spricht sie über das Schreiben, versucht, mit ihm über das Schreiben zu sprechen. Bei Therapeutin Nummer fünf fügen sich Splitter zu einem Bild zusammen, der achte Geburtstag, die Urgroßeltern, die dem Kind ein Tagebuch schenken. »Du kannst hineinschreiben, was immer du willst«, sagt der Urgroßvater. Das Kind kennt niemandem, der Tagebuch schreibt, schlägt dennoch die leeren Seiten auf, die leeren Seiten eines Tagebuchs mit hässlichem, grünem Plastikeinband und silbernem Schlüssel. Schulfüller, blaue Tinte, runde Buchstaben.

Das Tagebuch war immer im Kopf, ich erinnerte mich aber nicht, was das Kind geschrieben, warum es überhaupt geschrieben hat, das war nicht wichtig, das war nur Kinderkram. Erst bei der fünften Therapie kehrte die Erinnerung zurück. Das Kind darf nicht über das sprechen, was der Vater tut, spricht nicht darüber, bringt es nur zu Papier, verschließt das Tagebuch mit dem silbernen Schlüssel, versteckt es in einer Schublade, trägt den Schlüssel an einer Kette um den Hals. Die Mutter findet das Tagebuch, öffnet das Schloss mit einem Daumendruck, reißt die beschriebenen Seiten heraus, verbrennt sie in der Küchenspüle, wirft den Rest in den Müll. Seitdem muss das Kind schreiben, kann es aber nicht.

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