Undine

Unter der gefrorenen Oberfläche des Sees taucht eine Frauengestalt auf, hat das Kind im Blick, schaut es an. Dieses Bild war immer da, so viel ich auch sonst aus der Zeit vergessen hatte, als das Kind noch bei den Eltern wohnte. Eine Frauengestalt unter dem Eis, das einzige Bild, das ich nie für verrückt hielt.

Der See lag am anderen Ende der Stadt, das Kind war dreizehn oder vierzehn, hatte keinen Grund, dort zu sein, keinen Führerschein, keine Möglichkeit, an den See zu kommen außer mit dem Vater. Es muss ein Familienausflug gewesen sein, auch wenn ich mich nicht an die Eltern erinnere, nicht an den Bruder, nur an den kalten, klaren Wintertag. Eine Weide in Ufernähe, eine Eisfläche, eine Frauengestalt, die auftaucht und das Kind anschaut.

Ich weiß nicht mehr, wann ich sie zum ersten Mal Undine nannte, weiß nicht, wie ich auf den Namen kam, weiß es nicht genau. Undine, der Märchengeist, der Männer ins Wasser zieht. Ingeborg Bachmanns »Undine« kam erst später, »Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer! Ihr Ungeheuer mit Namen Hans!« Die Undine des Kindes kam zum ersten Mal an einem kalten Wintertag näher, ist manchmal da, taucht meistens ab, spricht nicht, hat noch nie gesprochen, aufgefallen ist mir das erst jetzt.

Undine tauchte auf, als ein anderes Wesen verschwinden musste, der Vater regelte das, er kannte einen Arzt, der das Ding wegmachte, das Monstrum, dessen Vater der Großvater war. Die Mutter durfte nichts davon wissen, Mütter müssen geschont werden. Das Kind durfte nicht darüber sprechen, sprach nicht darüber, sah nur einen Wassergeist unter der gefrorenen Oberfläche des Sees.

Meine, unsere Undine ist nicht der mächtige Wassergeist der Märchen, der Männer mit sich zieht, das weiß ich heute. Sie ist ertrunken, damals, das Kind in der Badewanne, Hände legen sich um den Hals, drücken zu, drücken den Kopf unter Wasser. Die Welt verschwindet, nur das Gesicht des Vaters bleibt, das Gesicht über dem Kind, das nicht mehr atmet.

Undine ist ertrunken, tauchte ab, tauchte erst zehn Jahre später wieder auf, als das Kind dreizehn war oder vierzehn, tauchte auf unter der Oberfläche des gefrorenen Sees an einem kalten, klaren Wintertag.

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