Störung

Blaue Flecken auf der Seele: Auf geht’s zur Psychotherapie – und alles ist bluna? Schön wär’s!

Noch vor nicht allzu langer Zeit galt als hypersensibles Gänseblümchen, wer zugab, in psychotherapeutischer Behandlung zu sein. Inzwischen wird man nicht mehr abgestempelt, jedenfalls nicht, solange man auf nette Art gestört ist und andere nicht nervt. Mehr noch, Psychotherapie ist angesagt und wird bei blauen Flecken der Seele unbedingt empfohlen: Seien es leichte Verstimmungen, eine Spinnenphobie oder irgendwas mit Trauma.

Und jetzt Ronja von Rönne: Alle freuen sich, weil sie so offen mit ihrer Depression umgeht, kaufen ihren neuen Roman, der sich zufällig von zwei Depressiven handelt – und lauscht ergriffen der Klage der Autorin, dass nicht ausreichend Therapeut:innen für all die vielen seelischen Blessuren zur Verfügung stehen.

So schön das klingt – gut wäre es nur, wenn insgesamt weniger Halbwissen aus Frauenzeitschriften nachgeplappert und nicht so viel Küchenpsychologie betrieben werden würde. Wenn Krimis nicht so locker mit Amnesie und multipler Persönlichkeitsstörung jonglieren würden. Und vor allem: Wenn das Psycho-Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden, sondern auch zur Kenntnis genommen werden würde, dass so mancher Therapeut (leider auch so manche Koryphäe) besser in der Eigen-PR ist als in der Behandlung.

 

Seelenklempner? Nein danke!

Sollte das jetzt etwas bitter klingen, ist das auf keinen Fall beabsichtigt. Ich will auch nicht jammern und bin mir natürlich bewusst, dass ich kein Wohlfühlfall für Therapeut:innen war: zu nervig, zu anstrengend. Ich hätte es nur zu schätzen gewusst, wenn wenigstens eine der Koryphäen, die ich heimgesucht habe, gezeigt hätte, was sie draufhat. Stattdessen große Worte über das, was Therapie vermag, und schließlich die trockene Mitteilung, dass ich mich in meine Grenzen fügen müsse (worauf ich ohne die vielen Stunden im Behandlungszimmer niemals gekommen wäre).

Natürlich will ich Psychotherapie nicht verteufeln, würde nur gern Zweierlei loswerden. Zum einen: Wer verzweifelt ist, hofft auf die fantastische Heilung durch Psychotherapie, die von der Ratgeberliteratur wortreich versprochen wird. Eine kaputte Seele funktioniert aber nun mal nicht wie ein gebrochenes Bein: Gips, Ruhe, und dann geht’s schon wieder. Zum anderen: Es fehlen nicht einfach nur Therapeut:innen – es fehlen Menschen, die sich nach einem Psychologiestudium tatsächlich mit der Seele auskennen; die sich Zeit nehmen für andere; die zuhören können und wollen.

 

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