Splitter im Kopf

Die Kindheit war so normal, wie eine Kindheit nur sein kann. Das Kind selbst war auch normal, war wie die anderen, wollte nur weg aus der Reihenhaussiedlung, weg vom gemähten Rasen, von gestutzten Hecken, von geputzten Autos. Sonst war das Kind wie die anderen, nur besser, ein braves Mädchen, das den Eltern keinen Kummer machte. Ein graues Mäuschen, das sich in Tagträumen von einem großartigen Leben verlor, aber das war ja nur im Kopf.

Das Kind war normal, es spielte keine Rolle, dass Wirklichkeit zwischen den Fingern zerrann. Der Boden gab nach, das Kind suchte Grund, wollte Philosophie studieren. Die Eltern hatten nichts gegen die brotlose Kunst, nur ziehen lassen wollte der Vater das Kind nicht, es sollte zu Hause bleiben, in der nahegelegenen Stadt studieren. Die Tochter wollte das nicht, wollte weg von den Spießern, es sollte Schluss sein mit Jägerzaun und Gartenzwerg. Nein, sagte der Vater. Doch, sagte das Kind. Schließlich intervenierte die Mutter, der Vater gab nach, warum auch immer.

Das Kind zog in eine Dornröschenstadt, aus der Zeit gefallen, Kopfsteinpflaster, Fachwerkhäuser, oben das Schloss, unten die Lahn. Ich bin frei, dachte das Kind, wer auch immer »ich« sein sollte.

 

»Idealismus, Materialismus, Realismus«: das erste Philosophieseminar. Platon und Aristoteles, Descartes und Kant. Platons Höhle war naheliegend, man sitzt festgebunden in der Dunkelheit, schaut auf die Schatten an der Wand. Um sie verstehen zu können, verordnete ich mir einen Parforce-Ritt durch die Philosophie- und die Literaturgeschichte, las wie blöd, versuchte zu lesen, versuchte zu verstehen, wollte mit den anderen mithalten, Scheine bekommen, eine gute Studentin sein.

Dort in der Dornröschenstadt war ich frei, hätte frei sein können, wenn ich eine Ahnung gehabt hätte, wer ich bin, wer die anderen im Kopf sind, wer die Fäden zieht. Im Kopf schrien Stimmen durcheinander, Kinder liefen Amok, durchs Gehirn irrlichterten Bilder, die sich wie Erinnerungen anfühlten, aber keine Erinnerungen sein konnten.

Es war mein Kopf, aber ich verstand ihn nicht. Ich las, atmete die Worte von anderen, hielt mich an Sätzen fest, an Zitaten. »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«. »Aufklärung ist der Auszug aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit«. Das Ziel der Philosophie ist, »der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zu zeigen.«

Am Tag füllte ich den Kopf mit den Worten anderer. Nachts tauchten die Bilder wieder auf, die nicht wahr sein konnten, ein Kind in der Badewanne, Hände legen sich um den Hals, drücken zu, drücken den Kopf unter Wasser. Über dem Wasser das Gesicht des Vaters. Das Kind ertrinkt. Dann atmet der Mund wieder, Hände wandern über den Körper.

Das konnte nicht sein, die Kindheit lag gerade erst hinter mir, ich hätte es doch wissen müssen, wenn etwas nicht gestimmt hätte. Es war eine normale Kindheit in einer normalen Familie, in einer Spießersiedlung, geordnete Verhältnisse, Eltern sorgen für die Kinder, Nachbarn haben alles im Blick.

 

Die Bilder, die nachts auftauchten, fühlten sich wie Erinnerungen an, konnten aber nicht wahr sein. Das waren keine Erinnerungen, sondern Hirngespinste. Ich musste verrückt sein, hatte einen Sprung in der Schüssel, nicht alle Tassen im Schrank. Ich tauchte ab in philosophische Werke, versuchte, sie zu verstehen. Vernunft und Aufklärung, Selbsterkenntnis und Existentialismus, Dichtung und Wahrheit, Kunst und Widerstand, versuchte, die Bilder im Kopf zu ignorieren, wollte sie loswerden, rausreißen, ausmerzen.

Am Tag füllte ich den Kopf mit den Worten anderer, nachts tauchten die Bilder wieder auf, sickerten in den Tag, ließen nicht locker. Ich schlug mit dem Kopf gegen die Wand, schlief kaum noch. Ich wollte lesen, konnte mich aber nicht konzentrieren. Ich wollte schreiben, durfte das aber nicht, hatte nichts zu sagen, halt die Klappe, du bist blöd, niemand will auch nur irgendwas von dir wissen. Ein graues Mäuschen, unscheinbar, langweilig, belanglos, aufgewachsen in einer nichtssagenden Spießerhochburg. Ein Sprung in der Schüssel, seltsame Bilder im Kopf, Wirklichkeit zerrinnt zwischen den Fingern, der Boden gibt nach.

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