Psycho

Irgendwann fand die Schulzeit doch ein Ende, ich konnte weg, ein neues Kapitel konnte beginnen mit Dichtern und Denkern, in deren Köpfen anderes war als Haus, Garten und Auto, Fußball und Jahresurlaub. Nachts konnte ich so lange lesen, wie ich wollte, konnte aufstehen, wann es mir passte, konnte frühstücken oder es sein lassen. Lesen, schreiben, nachdenken, ich war frei, hätte frei sein können, wenn nicht die Bilder aufgetaucht wären, die durch den Kopf geisterten, ein Kind in der Badewanne, Hände legen sich um den Hals, drücken zu, drücken den Kopf unter Wasser.

Das Kind war drei, daran erinnerte ich mich, als ich endlich weg war. Die Mutter war im Krankenhaus, der Bruder kam zur Welt, der Vater musste sich um das Kind kümmern, musste Frauenkram übernehmen. Das Kind war aber doch nicht ertrunken, Hände wanderten nicht über den Körper, das konnte nicht geschehen sein, ich hätte es wissen müssen, wenn das dem Kind passierte wäre. Die Bilder fühlten sich wie Erinnerungen an, mussten aber Hirngespinste sein, ich hatte nicht alle Tassen im Schrank, einen Sprung in der Schüssel, was auch immer.

In der Dornröschenstadt werde ich frei sein, das war der Plan. Ich hätte frei sein können, wenn nicht Bilder durch den Kopf gegeistert wären, die sich wie Erinnerungen anfühlten, aber Hirngespinste sein mussten. Ich ging an die Lahn, schaute aufs Wasser, versuchte, seine Farbe zu bestimmen, wollte Virginia Woolf folgen, die ihre Jackentaschen mit Steinen gefüllt hatte, bevor sie in der Ouse verschwand, wollte Ophelia folgen, die sich mit Blumen schmückt und dem Wasser anvertraut, wollte es, wollte es nicht, kehrte zurück in mein Zimmer. Am nächsten Tag war ich wieder an der Lahn, schaute aufs Wasser, kehrte in mein Zimmer zurück. Jetzt war es ein Zimmer, das ich abschließen konnte, nur Bilder drangen ein, sickerten durch Ritzen, durch das Fenster, durch die Tür. Ich geisterte durch die Tage, ging an die Lahn, schaute aufs Wasser, kehrte ins Zimmer zurück, dämmerte weg für einen Moment, dann waren die Bilder wieder da.

Jemand muss dafür gesorgt haben, dass ich in die Klinik kam. Frühsport, stell dich nicht so an, auch nicht, wenn es kalt und dunkel ist, mens sana in corpore sano. Frühstück, die einen essen zu viel, die anderen zu wenig. Beschäftigungstherapie, man muss Holzstücke schmirgeln, Bilder malen, auch wenn man nicht malen kann, muss auf Triangeln einschlagen. Eine Patientin kommt nicht darüber hinweg, dass ihre Töchter sie verlassen haben, dass sie ein eigenes Leben führen wollen. Eine andere bekommt Panik in Straßenbahnen. Ich male einen schwarzen Berg, den jemand mit einem viel zu schweren Rucksack zu erklimmen versucht. Nichts ist subtil, nichts verborgen, ich habe keine Kraft mehr, male bescheuerte Bilder, schmirgele bescheuerte Holzstücke, habe keine Ahnung, was ich mit der bescheuerten Triangel anfangen soll. Die Klinik ist nicht der »Zauberberg«, Gruppentherapie statt Magie, ich soll mich in den Raum stellen, muss nichts tun, muss einfach nur dastehen, soll zulassen, dass jemand auf mich zukommt. Dann ist da nichts mehr, Dunkelheit, Filmriss, was auch immer, ich muss die Zeit verloren haben, muss verschwunden, weggerannt sein, wohin auch immer.

Ein paar Tage später lief ich der Ärztin über den Weg, an sie kann ich mich nicht erinnern, nur an ihren Namen. »Sie wissen doch, dass Sie jederzeit zu mir kommen können«, sagte sie. Ich erinnere mich an keine Stunde mit ihr, weiß nur noch, dass sie nach sechs Wochen die Eltern sehen wollte. Ich wollte das nicht, sah keinen Sinn darin, war doch erwachsen, wohnte schon eine Weile nicht mehr bei ihnen. Die Eltern bringen Äpfel und Schokolade mit, drücken im Gespräch mit der Ärztin ihre Sorgen aus, haben sich immer gekümmert, sind gute Eltern, die Mutter ist nicht berufstätig, verwirklicht sich nicht selbst, vernichtet jedes Staubkorn, bringt jeden Tag das Essen auf den Tisch.

Nach dem Besuch der Eltern bleibe ich weitere sechs Wochen in der Klinik, drei Monate sind der Richtwert, daran halte ich mich. Frühsport, Frühstück, Bilder, Holzstücke, Triangeln, dann soll man zurück ins Leben.

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