Kindermund

Dem Radiomoderator stockt der Atem, seiner Kollegin fehlen die Worte, das kann doch nicht sein, das sind doch Kinder. Münster, Bergisch Gladbach, Wermelskirchen, dabei ist das nur die Spitze des Eisbergs, Männer missbrauchen, vergewaltigen Kinder, wie ist das möglich, das sind doch keine Menschen, das sind Monster, die ihre Heldentaten filmen, sich in Szene setzen, sich nicht an Regeln halten, tun, wozu sie Lust haben.

Heute berichten die Medien, heute weiß man Bescheid. Damals war das anders, Missbrauch kein Thema. Nur Alice Schwarzer sprach darüber, eine Emanze, die niemand ernst nehmen musste. Missbrauch in normalen Familien, in geordneten Verhältnissen war ein Märchen, in Wahrheit gab es das nicht. Es gab nur Christiane F. und den Kinderstrich, diese Kinder kamen aber nicht aus ordentlichen Verhältnissen. Sex auf Bahnhofstoiletten elektrisierte dennoch, »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« wurde ein Megaseller und Christiane F. berühmt, hatte schließlich Geld für Drogen, ohne sich verkaufen zu müssen.

Damals, das war die Zeit von Gabriel Matzneff, der so frei war, Gesetze zu brechen, Sex hatte mit Kindern und Jugendlichen, darüber schrieb, damit berühmt wurde, Sartre und Beauvoir brachen eine Lanze für ihn, ganz großes Kino. Es war die Zeit von Klaus Rainer Röhl, der »Konkret« mit »Lolita«-Geschichten aufmöbelte, ausgekochte Früchtchen, die Familienväter verführen, freche Onkels, die zu jungem Gemüse greifen, man war so frei, so modern, so offen. Dann gab es noch die, die für die Befreiung kindlicher Sexualität kämpften. Auch die Kleinen wollen Sex, man muss ihnen das nur eintrichtern.

Das waren aber langhaarige Spinner und verpeilte Intellektuelle. In der Reihenhaussiedlung war niemand so blöd, das ernst zu nehmen, dort herrschten Moral und Ordnung. Der Vater ging jeden Tag pünktlich ins Büro, nach ihm konnte man die Uhren stellen. Die Mutter vernichtete jedes Staubkorn, das ihr in die Hände fiel. Das Kind ging zur Schule, brachte gute Noten nach Hause, nahm keine Drogen, hatte nicht mal eine Ahnung, wo man sie bekommt.

Heute weiß man, dass nicht nur langhaarige Spinner und verpeilte Intellektuelle Gewalt schönreden. Heute weiß man, dass auch Gartenzwerge Kinder vergewaltigen, man weiß es genau, weil die Täter so freundlich sind, ihre Heldentaten zu filmen, mit ihnen anzugeben, Videos mit Gleichgesinnten zu teilen. Man weiß, dass Kinder keine Märchen erzählen, wenn sie etwas sagen, Medien berichten über Missbrauch, Fortgeschrittene sprechen sogar von sexualisierter Gewalt. Man weiß Bescheid, ist schockiert, empört, redet darüber, informiert, appelliert.

Nur ich habe einen Sprung in der Schüssel, nicht alle Tassen im Schrank, immer noch, obwohl alles so lange her ist. Man muss doch darüber hinwegkommen, in der Gegenwart leben, den Eltern verzeihen, die alt geworden sind und gebrechlich, muss sich um sie kümmern, es gibt nichts Wichtigeres als die Familie. Stell dich nicht so an, halt die Klappe, andere sind im Krieg und auf der Flucht. Dir geht es gold, fall nicht auf, geh niemandem auf die Nerven, mach deine Arbeit, putz die Fenster.

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