Gewalt und Gehorsam

Wotan bricht wuchtig ein wildes Weib – und findet immer noch Nachahmer.

Gewalt und Sex, das ist das Mantra der griechischen Mythologie: Nymphen sind Freiwild, Eurydike kommt dann auch auf der Flucht vor einem Vergewaltiger zu Tode. Apollon verflucht Kassandra, weil sie nicht mit ihm ins Bett will. Nicht mal im Wasser ist die Welt in Ordnung: Poseidon nimmt sich, was und wen er will, macht mit Medusa im Tempel von Athene rum. Ovid sieht das als Vergewaltigung, Athene als Frevel, für den nicht der Meeresgott, sondern die Verführte, die Vergewaltigte zu büßen hat. Die Göttin verwandelt sie in das Ungeheuer, das Betrachter:innen zu Stein erstarren lässt.

Die Antike ist Geschichte und Gewalt gegen Frauen weniger geworden, jedenfalls hierzulande. Sie findet aber nach wie vor statt. »Familiendrama« heißt das dann, das klingt netter als Mord – Journalist:innen können offensichtlich nachvollziehen, dass er ausrastet, wenn sie gehen will. So ist es auch nur eine »Beziehungstat«, wenn er ihr die Faust ins Gesicht haut, ihren Kopf gegen die Wand schlägt, sie die Treppe runterstößt, sie so lange würgt, bis sie ihn auf keinen Fall mehr verlassen kann.

 

Er will Macht

Statistisch gesehen findet an jedem dritten Tag ein Femizid in Deutschland statt. Dabei spielt finanzielle Abhängigkeit den Tätern in die Hände: Viele Frauen, insbesondere Mütter von (kleinen) Kindern, können es sich nicht leisten, den Mann zu verlassen. Oder es geht darum, ihm überhaupt entkommen und für eine Weile abtauchen zu können. Eine Unterkunft im Frauenhaus wäre ein Ausweg – ausreichend Platz gibt es aber nicht.

Am Geld liegt es in einem reichen Land wie Deutschland nicht. Das ist vorhanden und wird zum Beispiel für immer neue Inszenierungen von Wagner-Opern gebraucht: Mit Brünhilde wird eine starke Frauenfigur in Szene gesetzt, die mit Wucht gebrochen wird. Weil sie ungehorsam ist, will ihr Vater sie an den ausliefern, der als erster vorbeikommt. Wotan lässt sich lediglich dazu überreden, dass nicht irgendwer sie vergewaltigen darf, sondern dass es ein Held sein muss, der sie bricht und zum Hausweib degradiert – und das muss wieder und wieder besungen werden.

 

Sie braucht einen Ausweg

Diese Art Kulturgenuss ist teuer. Museen sind es ebenfalls, in denen alles Mögliche angehäuft wird und vieles in Kellern verstaubt. Polizeipräsenz bei Fußballspielen kostet ebenso Geld wie die Sanierung von Autobahnen: Freie Fahrt für freie Bürger.

Das Geld ist da, die Frage ist nur, wofür es eingesetzt wird. Für »weibliche« Berufe – Pflegekräfte oder Erzieher:innen – eher nicht, für Frauenhäuser und für Jugendliche, die aus gutem Grund von zu Hause abgehauen sind und Platz in einer WG brauchen. Auch eher nicht für Musiker:innen, Künstler:innen, Dichter:innen, die von den Maßnahmen gegen Corona heftig erwischt werden. Stattdessen für die gefühlt millionste Vernichtung einer starken Frauenfigur auf der Opernbühne.

 

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