Fata Morgana

Die Gedanken sind frei, das ist Unfug, niemand denkt, was er will, niemand entscheidet selbstbestimmt über die Region im Gehirn, die gerade aktiv sein soll. Gedanken kommen und gehen, wie sie wollen, wie die Gene es ihnen vorgeben und die Dressur, die das Kind durchlaufen hat. Keine Instanz ist im Kopf, die selbstbestimmt über Neuronen entscheidet, über die Ausschüttung von Dopamin, von Testosteron. Der Körper tut, was er will, was ihm vorgegeben ist, was ihm eingetrichtert wurde, was auch immer.

Die Gedanken sind frei, niemand kann sie erraten, so sagt es der Dichter, selbst Frauen könnten denken, was sie wollen, wenn sie Menschen erster Klasse wären. Die Gedanken von Männern sind frei, niemand kann sie erraten, und doch hat jemand die Gedanken eingetrichtert, die ungehört durch den Kopf mäandern. Unzensiert sind sie nicht, haben ihre Wurzeln in der Vergangenheit, bewegen sich im vorgegebenen Rahmen, gründen in dem, was dem Kind mitgegeben wurde.

Kindheit, das ist die Zeit, in der man spielen, träumen, sich entwickeln kann, Bullerbü & Pippi Langstrumpf. Kindheit, das ist die Zeit der Dressur, des Eintrichterns, des Zuhörenmüssens, des Stillhaltens. Wer das hinter sich gebracht hat, verbringt sein Leben damit, den Regeln zu gehorchen, die dem Kind eingehämmert wurden. Nur manchmal wendet man sich gegen den Dompteur, denkt nicht, was man denken soll, tut nicht, wozu man erzogen wurde, hat keine Ahnung, woher der Spielraum kommt, wenn doch ein anderer im Kopf die Fäden zieht. Man lässt los, was in die Wiege gelegt wurde, wirft weg, was die Kindheit bestimmt hat, ist frei für einen Moment, sieht den nächsten Faden, an dem man hängt.

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