Dunkelziffern

Mal wieder eine Studie der katholischen Kirche, dieses Mal aus Münster, einhundertsechsundneunzig Missbrauchstäter seit 1945, hunderte Opfer. Kirchliche Würdenträger haben dazugelernt, bieten Transparenz, wissen heute, dass sie Schuld anerkennen sollten, dass sexualisierte Gewalt weder Kavaliersdelikt ist noch lässliche Sünde, die der Herr schon vergibt, mit der man den Herrn am besten erst gar nicht belästigt.

Darüber denke ich nach, seit ich mich erinnern kann, warum einer unbedingt Sex mit Kindern will oder wie immer man das nennen soll, Missbrauch, der falsche Gebrauch von Kindern, Vergewaltigung, sexualisierte Gewalt, was erregend daran ist, dass ein Kind einen Schwanz lutscht, warum man es anfasst, wenn es das doch nicht will, warum man ihm wehtut, es quält, was so schön daran ist, ein Kind weinen zu sehen, zu erleben, wie es erstarrt.

Was ist das, eine Krankheit, eine Laune der Natur, Veranlagung, ein genetischer Defekt, die Folge von Gewalt, die der Täter selbst als Kind erfahren hat, und jetzt kann der arme Kerl nicht anders, als sich endlich selbst als übermächtiger Täter aufzuspielen und andere zu Opfern zu machen. Oder ist es einfach praktisch, Kinder sind verfügbar, leicht zum Schweigen zu bringen, man kann ihnen Angst einjagen, ihnen drohen, alles Mögliche versprechen, Zuckerbrot und Peitsche. Man ist so frei, Regeln gelten für die anderen, Titanen können tun, was sie wollen.

Lange kam man damit durch, hatte nichts zu befürchten, konnte tun, wozu man Lust hat. Ein Priester hatte Lust dazu, immer wieder dieselbe Familie heimzusuchen, wurde zur Tochter durchgewunken, eines der Mädchen musste geopfert werden. Die Geschwister haben das später nie wahrhaben wollen, haben das immer geleugnet, nur der Priester hat sich entschuldigt, Jahrzehnte später, als er alt und gebrechlich geworden war. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Familienopfer schon das Leben genommen.

Heute wissen Priester, dass sie besser die Hände von Kindern lassen sollten, müssen sich andere Wege suchen für Lust, Erniedrigung, Gewalt. Für Väter sieht es besser aus, wenn sie rechtzeitig anfangen, ein Kind zu dressieren. Wenn die Mutter mitspielt, kommen sie damit durch, sollten nur nicht so blöd sein, ihre Heldentaten zu filmen und mit Gleichgesinnten im Netz zu teilen.

Kinder werden dressiert, die Klappe zu halten, und sie brauchen den Vater, darauf sind sie geeicht, die Gene, die Natur, wer oder was auch immer sie dazu zwingt, den Vater zu lieben, selbst wenn man ihn besser zur Hölle schicken sollte. Der freie Wille ist eine Fata Morgana, erst recht, wenn Kinder sehr früh malträtiert werden, noch in einer Zeit, an die sie sich später nicht erinnern werden. Für sie gibt es nur seltsame Ahnungen, Schatten, Schmerz, sie wissen nicht, woher das kommt, haben keine Worte dafür, haben kaum eine Chance, dem Dunkel zu entkommen.

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