Analyse I

Ich hatte einen Sprung in der Schüssel, nicht alle Tassen im Schrank. Drei Monate war ich in einer Klinik gewesen, sollte mir danach einen Therapeuten suchen. In der Dornröschenstadt lohnte sich das nicht mehr, nur noch die Abschlussarbeit musste zu Ende gebracht werden, dann zog ich in die nächste Stadt. Dort kannte ich niemanden, den ich fragen konnte, musste mir irgendjemanden suchen, sprach mit Anrufbeantwortern. Einer rief zurück, bot einen Platz an, nur ein Jahr sollte es dauern, bis ich ihn heimsuchen konnte.

Es waren zehn Monate, dann bekam ich den ersten Termin der Woche, kettete das Fahrrad an einer Straßenlaterne an, wartete draußen vor der Tür, setzte mich drinnen auf den Klientensessel, während der Analytiker die Blumen der vergangenen Woche entsorgte, frische Lilien in die Vase stellte, sich auf seinen Stuhl setzte, darauf wartete, dass ich etwas sagte. Über die Doktorarbeit hätte ich sprechen können, die ich schrieb, die ich versuchte zu schreiben. Über die Stelle an der Uni, das Projekt, an dem ich mitarbeiten, an das ich anknüpfen konnte, auch wenn ich in einer Klinik gewesen war, ein graues Mäuschen, beschränkt und nichtssagend, ausgerechnet ich durfte eine Doktorarbeit schreiben.

Über sie hätte ich mit dem Analytiker sprechen können, musste aber die Bilder zu Wort bringen, die durch den Kopf geisterten, in den Tag sickerten, die Bilder, die ich nicht haben wollte, die sich aber aufdrängten, ein Kind in der Badewanne, Hände legen sich um den Hals, drücken zu, drücken den Kopf unter Wasser, über dem Wasser das Gesicht des Vaters. Die Worte blieben im Hals stecken, verhakten, verhedderten sich im Kopf, kamen nicht über die Lippen. Ich stammelte ein paar Silben, der Analytiker notierte sich was auch immer, vielleicht waren es Stichworte für seine Habilitation.

Die Bilder sickerten in den Tag, Schatten, Schemen, Geräusche, Ahnungen, ließen sich nicht aus dem Kopf reißen, nicht zur Seite schieben, fühlten sich wie Erinnerungen an, mussten aber Hirngespinste sein. Ich hatte einen Sprung in der Schüssel, nicht alle Tassen im Schrank, wusste nicht, wie ich Hirngespinste von Erinnerungen unterscheiden konnte, musste Bescheid wissen, konnte das aber nicht klären, kam mir selbst nicht auf die Spur. Nur der Vater konnte Licht ins Dunkel bringen, wenigstens er musste Bescheid wissen.

Ich nahm den Zug, fuhr zurück in die Reihenhaussiedlung. »Ich war das nicht«, sagte der Vater. »Wenn das passiert wäre, müsste ich mich umbringen«, sagte die Mutter. »Sie können doch nicht einfach mit den Eltern sprechen, müssen sich mit mir abstimmen«, sagte der Analytiker, während die Lilien orange in der Vase leuchteten. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, hatte nichts zu sagen, wusste immer noch nicht, ob die Bilder im Kopf Erinnerungen waren oder Hirngespinste.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.